Flora Raetica: Auf halbem Weg zur Jahrhundertflora Graubündens

Weit über hun­dert Frei­willige doku­men­tieren seit 2021 die Pflanzen­welt Graubün­dens – mit bere­its 350’000 Fund­mel­dun­gen und ersten inter­es­san­ten Ergeb­nis­sen.

Im Pro­jekt «Flo­ra Raet­i­ca» erfassen bis­lang rund 130 Botanikbegeis­terte die Farn- und Blütenpflanzen Graubün­dens. Bis 2032 soll daraus eine neue «Flo­ra von Graubün­den» entste­hen – hun­dert Jahre nach dem gle­ich­nami­gen Stan­dard­w­erk von Josias Braun-Blan­quet und Eduard Rübel.

Bereits 350’000 Pflanzenbeobachtungen

Seit 2021 haben die ehre­namtlichen Mitar­bei­t­en­den 350’000 Pflanzen­beobach­tun­gen erfasst und 2’700 Arten doku­men­tiert. Allein 2025 kamen 113’000 neue Fund­mel­dun­gen hinzu.

«Dank der vie­len neuen Beobach­tun­gen erhal­ten wir ein genaues Bild, wo in Graubün­den welche Pflanzen wach­sen und wie häu­fig sie vorkom­men», sagt Chris­t­ian Rix­en, Co-Leit­er von Flo­ra Raet­i­ca und Mitar­beit­er des WSL-Insti­tuts für Schnee- und Law­inen­forschung SLF.

Weniger Ackerunkräuter, mehr Neophyten

Bere­its zur Pro­jek­thal­bzeit erlaubt die wach­sende Daten­menge erste wis­senschaftliche Auswer­tun­gen. Eine Mas­ter­ar­beit am SLF zeigt, dass 6,5 Prozent der Arten, die in den 1930er-Jahren vorka­men, bis­lang nicht mehr bestätigt wur­den. Die Hälfte dieser 144 Arten gel­ten gemäss der Roten Liste der Schweiz als gefährdet.

Beson­ders betrof­fen sind Arten, die auf exten­sive und klein­räu­mige Kul­tur­land­schaften angewiesen sind, etwa Acker­be­gleitpflanzen der Tiefla­gen wie das Som­mer-Blut­ströpfchen. Gle­ichzeit­ig bre­it­en sich neue Pflanzen aus: 13 Prozent der heute nachgewiese­nen Arten gehörten vor hun­dert Jahren noch nicht zur Bünd­ner Flo­ra. Dazu zählen die Sil­ber­pap­pel und die Hage­buche sowie viele Neo­phyten, zum Beispiel das Südafrikanis­che Greiskraut.

Überraschende Wiederfunde

«Auch wenn die Dat­en erst vor­läu­fig sind, zeigen sie bere­its deut­lich, wie stark sich die Pflanzen­welt in den let­zten hun­dert Jahren verän­dert hat», sagt Chris­t­ian Rix­en. «Gle­ichzeit­ig ent­deck­en wir immer wieder uner­wartet Arten an Orten, wo lange nie­mand mehr gesucht hat.» So gelang es einem Mitar­beit­er von Flo­ra Raet­i­ca, das extrem sel­tene Schneeweisse Fin­ger­kraut ober­halb von Davos erst­mals seit 1916 wieder nachzuweisen.

Weit­ere Auswer­tun­gen sollen zeigen, wie sich Kli­mawan­del und verän­derte Land­nutzung auf die Arten­vielfalt auswirken – und wichtige Grund­la­gen für den Erhalt gefährde­ter Arten und Leben­sräume liefern.

Forschung als Gemeinschaftswerk

Flo­ra Raet­i­ca ist ein Cit­i­zen-Sci­ence-Pro­jekt. Die Dat­en stam­men nicht nur von Fach­per­so­n­en, son­dern vor allem von Men­schen, die ihre Freizeit der Pflanzen­welt wid­men – vom Finanz­fach­mann aus dem Kan­ton Zürich bis zur Sozialar­bei­t­erin aus Chur. Sie melden Beobach­tun­gen per App oder nehmen an gemein­samen Kartier­an­lässen teil. «Ohne die enorme Arbeit der Frei­willi­gen wäre dieses Pro­jekt unmöglich», sagt Chris­t­ian Rix­en. «Es verbindet Forschung mit echter Ent­deck­ungs­freude.»

Blick in die zweite Projekthälfte

Beson­ders gut unter­sucht sind bish­er Regio­nen ent­lang der Haupt­täler und Verkehrslin­ien. Grössere Lück­en beste­hen dage­gen weit­er­hin in abgele­generen Gebi­eten wie Teilen der Sur­sel­va, des Safien­tals, des Schams, des Bergells und des Puschlavs.

Die Pflanzen­er­he­bun­gen laufen bis 2028. Anschliessend werten die Pro­jek­tver­ant­wortlichen alle Dat­en wis­senschaftlich aus. Zum Abschluss soll 2032 ein reich bebildertes Buch erscheinen – als botanis­ches Zeit­doku­ment für kom­mende Gen­er­a­tio­nen.

Kontakt

Co-Pro­jek­tleit­er Flo­ra Raet­i­ca                                  

Chris­t­ian Rix­en                                                          Thomas Wohlge­muth
rixen(at)slf.ch                                                             thomas.wohlgemuth(at)wsl.ch
+41 81 417 02 14                                                      +41 44 739 23 17

Koor­di­na­torin Flo­ra Raet­i­ca

Ingrid Jansen
ingrid.jansen(at)wsl.ch
+41 78 625 27 36

Flora Raetica in Kürze:

  • Flo­ra Raet­i­ca ist ein Cit­i­zen-Sci­ence-Pro­jekt. Es erfasst mit Unter­stützung von Frei­willi­gen sys­tem­a­tisch die Flo­ra Graubün­dens.
  • Das Pro­jekt zeigt, wie sich die Pflanzen­welt Graubün­dens seit der let­zten umfassenden Doku­men­ta­tion von Braun-Blan­quet und Rübel vor 100 Jahren verän­dert hat.
  • Seit 2021 wur­den bere­its 350’000 neue Pflanzen­beobach­tun­gen erfasst. Diese Dat­en sind eine wichtige Grund­lage für den Erhalt der Bio­di­ver­sität.
  • Alle sind ein­ge­laden, bei diesem Jahrhun­dert­pro­jekt mitzuwirken – von der Ein­steigerin bis zum Profi. Jede Beobach­tung zählt.
  • Kon­takt und weit­ere Infor­ma­tio­nen: florae.ch

Pressebilder

Auch auf den höchsten Berggipfeln sind Besonderheiten zu finden; hier die Cenis-Glockenblume. Foto: Michael Zehnder.
Auch auf den höch­sten Berggipfeln sind Beson­der­heit­en zu find­en; hier die Cenis-Glock­en­blume (Cam­pan­u­la cenisia). Foto: Michael Zehn­der.
Christian Rixen beim Pflanzenbestimmen. Foto: Brigitte Wenger.
Chris­t­ian Rix­en beim Pflanzenbes­tim­men. Foto: Brigitte Wenger.
Botanisieren auf dem Parpaner Rothorn. Foto: Anna-Barbara Utelli.
Botanisieren auf dem Parpan­er Rothorn. Foto: Anna-Bar­bara Utel­li.
Sommer-Blutströpfchen (Adonis aestivalis). Foto: Andreas Gygax.
Som­mer-Blut­ströpfchen (Ado­nis aes­ti­valis). Foto: Andreas Gygax.
Südafrikanische Greiskraut (Senecio inaequidens). Foto: Andreas Gygax.
Südafrikanis­che Greiskraut (Senecio inae­quidens). Foto: Andreas Gygax.
Sommer-Blutströpfchen (Adonis aestivalis). Foto: Andreas Gygax.
Som­mer-Blut­ströpfchen (Ado­nis aes­ti­valis). Foto: Andreas Gygax.
Schneeweisses Fingerkraut (Potentilla nivea). Foto: Andreas Gygax
Schneeweiss­es Fin­ger­kraut (Poten­til­la nivea). Foto: Andreas Gygax

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