Sieht man unserer Flora in Graubünden den gesellschaftlichen Wandel oder die Klimaerwärmung seit 1900 an? Flora Raetica geht dieser Frage mit einer umfassenden Kartierung nach und vergleicht historische Fundmeldungen mit heutigen Vorkommen. Antworten auf diese Fragen gab Thomas Wohlgemuth, Co-Präsident von Flora Raetica, am 16. September beim «Rendez-vous am Mittag» vom Bündner Naturmuseum. Rund 60 Interessierte folgten seinem Vortrag.
Weniger Äcker, mehr Siedlungsfläche und Wald
Anhand historischer Fotos veranschaulichte Wohlgemuth eindrücklich, wie kleinräumig und mit wie viel Handarbeit unsere Vorfahren überall in Graubünden Landwirtschaft betrieben.
Während der letzten hundert Jahre sind die Äcker rund um die Dörfer grösstenteils verschwunden – und damit auch traditionelle Kulturen wie Flachs, Hanf und Roggen.
In den Tallagen sind vielerorts Feuchtwiesen und natürliche Flusslandschaften verschwunden, und vormals magere Wiesen werden heute bis in hohe Lagen gedüngt. Zugenommen haben Siedlungsflächen, Strassen, Bewirtschaftungsstrassen, aber auch mit Wald bedeckte Gebiete.
Über fünfzig neue Arten in Wäldern
Der Wandel der Lebensräume spiegelt sich auch in der Pflanzenwelt wider. So tauchen bei der aktuellen Kartierung besonders entlang von Verkehrsrouten, Flüssen und anderen Ruderalstandorten neue Arten auf – darunter viele Neophyten. Einige breiten sich rasch aus und werden deshalb gezielt bekämpft, etwa das Drüsige Springkraut und der Japanische Staudenknöterich.
Bei den Fettwiesenarten, die heute viel häufiger sind als früher, sind nur eine Handvoll Arten neu dazugekommen, so der Faden-Ehrenpreis. In den Wäldern wachsen heute über neue 50 Arten, darunter mehrere Baumarten wie Douglasie und Roteiche, die gezielt gepflanzt wurden, aber auch schattentolerante Neophyten wie die Herbst-Traubenkirsche.
Gleichzeitig sind viele Arten der früheren Ackerkulturen verschwunden oder seltener geworden, darunter etwa die Kornrade und mehrere in Flachsfeldern wachsende Arten: Flachs-Lolch, Flachs-Seide und Lein-Dotter.
Erstaunlicherweise sind von den zahlreichen, bereits um 1900 bekannten Neophyten mehrere Dutzend verschollen. Sie konnten sich offensichtlich nicht etablieren.
Heidelbeere besonders weit verbreitet
Die Kartierung zeigt auch grosse Unterschiede in der Verbreitung der rund 3000 Pflanzenarten. Gemäss Wohlgemuth wurden rund 400 Arten bisher nur in einem einzigen 5 × 5‑km-Quadrat nachgewiesen und zählen somit zu den besonders selten erfassten Arten, zum Beispiel der Moorenzian am Heidsee oder der Färber-Waldmeister am Ellhorn.
Am anderen Ende der Skala stehen die Heidelbeere und die Kamm-Schmiele: Sie wurden bisher beide in 84 Prozent der bearbeiteten Flächen gefunden und sind die am weitesten verbreiteten Arten.
Kartierung läuft bis 2028
Je vollständiger die heutigen Vorkommen dokumentiert sind, desto genauer lässt sich nachvollziehen, wie sich die Flora Graubündens verändert. Flora Raetica führt die Kartierung deshalb noch bis 2028 weiter. Neue Mitarbeitende sind jederzeit herzlich willkommen!



