Degen, Lumnezia um 1900 und um 1991. Fotos: Christian Meisser.

Seit 1900: Neue Arten, verschwundene Lebensräume

Sieht man unser­er Flo­ra in Graubün­den den gesellschaftlichen Wan­del oder die Kli­maer­wär­mung seit 1900 an? Flo­ra Raet­i­ca geht dieser Frage mit ein­er umfassenden Kartierung nach und ver­gle­icht his­torische Fund­mel­dun­gen mit heuti­gen Vorkom­men. Antworten auf diese Fra­gen gab Thomas Wohlge­muth, Co-Präsi­dent von Flo­ra Raet­i­ca, am 16. Sep­tem­ber beim «Ren­dez-vous am Mit­tag» vom Bünd­ner Natur­mu­se­um. Rund 60 Inter­essierte fol­gten seinem Vor­trag.

Weniger Äck­er, mehr Sied­lungs­fläche und Wald

Anhand his­torisch­er Fotos ver­an­schaulichte Wohlge­muth ein­drück­lich, wie klein­räu­mig und mit wie viel Han­dar­beit unsere Vor­fahren über­all in Graubün­den Land­wirtschaft betrieben.

Während der let­zten hun­dert Jahre sind die Äck­er rund um die Dör­fer grössten­teils ver­schwun­den – und damit auch tra­di­tionelle Kul­turen wie Flachs, Hanf und Roggen.

In den Tal­la­gen sind vielerorts Feuchtwiesen und natür­liche Flus­sland­schaften ver­schwun­den, und vor­mals magere Wiesen wer­den heute bis in hohe Lagen gedüngt. Zugenom­men haben Sied­lungs­flächen, Strassen, Bewirtschaf­tungsstrassen, aber auch mit Wald bedeck­te Gebi­ete.

Über fün­fzig neue Arten in Wäldern

Der Wan­del der Leben­sräume spiegelt sich auch in der Pflanzen­welt wider. So tauchen bei der aktuellen Kartierung beson­ders ent­lang von Verkehrsrouten, Flüssen und anderen Rud­er­al­stan­dorten neue Arten auf – darunter viele Neo­phyten. Einige bre­it­en sich rasch aus und wer­den deshalb gezielt bekämpft, etwa das Drüsige Springkraut und der Japanis­che Stau­denknö­terich.

Bei den Fet­twiese­narten, die heute viel häu­figer sind als früher, sind nur eine Hand­voll Arten neu dazugekom­men, so der Faden-Ehren­preis. In den Wäldern wach­sen heute über neue 50 Arten, darunter mehrere Bau­marten wie Dou­glasie und Rote­iche, die gezielt gepflanzt wur­den, aber auch schat­ten­tol­er­ante Neo­phyten wie die Herb­st-Traubenkirsche. 

Gle­ichzeit­ig sind viele Arten der früheren Ack­erkul­turen ver­schwun­den oder sel­tener gewor­den, darunter etwa die Korn­rade und mehrere in Flachs­feldern wach­sende Arten: Flachs-Lolch, Flachs-Sei­de und Lein-Dot­ter.

Erstaunlicher­weise sind von den zahlre­ichen, bere­its um 1900 bekan­nten Neo­phyten mehrere Dutzend ver­schollen. Sie kon­nten sich offen­sichtlich nicht etablieren.

Hei­del­beere beson­ders weit ver­bre­it­et

Die Kartierung zeigt auch grosse Unter­schiede in der Ver­bre­itung der rund 3000 Pflanzenarten. Gemäss Wohlge­muth wur­den rund 400 Arten bish­er nur in einem einzi­gen 5 × 5‑km-Quadrat nachgewiesen und zählen somit zu den beson­ders sel­ten erfassten Arten, zum Beispiel der Mooren­z­ian am Hei­d­see oder der Fär­ber-Wald­meis­ter am Ell­horn.

Am anderen Ende der Skala ste­hen die Hei­del­beere und die Kamm-Schmiele: Sie wur­den bish­er bei­de in 84 Prozent der bear­beit­eten Flächen gefun­den und sind die am weitesten ver­bre­it­eten Arten.

Kartierung läuft bis 2028

Je voll­ständi­ger die heuti­gen Vorkom­men doku­men­tiert sind, desto genauer lässt sich nachvol­lziehen, wie sich die Flo­ra Graubün­dens verän­dert. Flo­ra Raet­i­ca führt die Kartierung deshalb noch bis 2028 weit­er. Neue Mitar­bei­t­ende sind jed­erzeit her­zlich willkom­men!

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